Arbeitsfelder

Selbstorganisation

© Landesjugendring NRW

Wenn geflüchtete Jugendliche in Deutschland ankommen, sind sie mit vielen neuen Regeln konfrontiert und haben wenig eigene Gestaltungsmöglichkeiten ihrer Umgebung und ihres Alltags. Durch den Landesjugendring NRW werden Projekte gefördert, die jungen Geflüchteten Raum geben, nicht nur Teilnehmende, sondern selbst Akteur_innen zu werden. Diese Form der Organisation führt nicht nur zu passgenauen Angeboten für junge Geflüchtete, sondern fördert auch individuelle Talente und das Selbstbewusstsein der Beteiligten. Das hilft ihnen bei der Bewältigung des Alltags und der Integration – in die Gesellschaft sowie in die Jugendverbände.

Worum geht es hier?
In den Vereinen der djo-Deutsche Jugend in Europa (djoNRW) haben sich aus bestehenden Angeboten heraus neue Gruppen gegründet. Im Verein Suryoye Ruhrgebiet entstand zum Beispiel ein Spielmannszug, der von Geflüchteten geleitet wird. Und aus einem Sprachkurs der djoNRW (Mehr: #Sprache lernen) entstand eine Folkloregruppe.

Beim Jugendrotkreuz Landesverband Westfalen Lippe werden Geflüchtete zu Ersthelfer_innen ausgebildet. Das Zertifikat ist eine sichtbare und vorzeigbare Anerkennung, die als erster Baustein für Führerschein oder Ausbildung genutzt werden kann.

Was gibt es für Aktionen?
Der Verein Suryoye Ruhrgebiet, der zur djo-Deutsche Jugend in Europa (djoNRW) gehört, hat ein Fußballturnier für Geflüchtete organisiert (siehe auch: #Sport) und eine Gruppe für Folkloretanz sowie einen Spielmannszug hervorgebracht. Im Spielmannszug lernen Jugendliche Pauke und Trompete spielen, fahren gemeinsam mit den Pfadfinder_innen ins Zeltlager und proben für erste Auftritte.
Das Jugendrotkreuz Westfalen-Lippe bietet Erste-Hilfe-Kurse mit jungen Geflüchteten an und holt sich dafür Unterstützung von Übersetzer_innen.

Besonders gut klappt hier
Im Verein Suryoye Ruhrgebiet haben Geflüchtete mehrere eigene Projekte umgesetzt. In Duisburg gründeten sie eine Gruppe für Folkloretanz, die ihren ersten Auftritt auf dem Weltkindertag 2017 hatte. Petrus Atalay, Vorsitzender des Vereins hat festgestellt, dass das Angebot Jungen und Mädchen gleichermaßen anspricht: „Man zieht sich gegenseitig an. Wenn Jungs da sind, kommen auch Mädchen und umgekehrt.“ Außerdem kennen sich einige der Teilnehmenden bereits aus dem Sprachkurs der djo-Deutsche Jugend in Europa (djoNRW) in Gütersloh (mehr dazu: #Sprache lernen).

Auch der Spielmannszug des Vereins Suryoye Ruhrgebiet entstand durch Vernetzung im Verein. Ein Trompetenspieler, der aus Syrien geflüchtet und ihm Verein aktiv ist, hörte von der Idee, einen Spielmannszug zu gründen. Jetzt leitet er den Spielmannszug in Duisburg: Mit der Förderung durch den Landesjugendring NRW hat die Gruppe Instrumente gekauft und kann die wöchentliche Anreise des Leiters ermöglichen, der in Bochum lebt. Mobilität spielt für die Selbstorganisation Geflüchteter eine große Rolle. Ebenso braucht es Möglichkeiten der Vernetzung: Orte, Projekte und Veranstaltungen, an denen Menschen zusammenkommen, sich kennenlernen und Ideen austauschen.
Ist ein Angebot geschaffen, funktioniert die Werbung dafür über das Netzwerk der Geflüchteten untereinander auf Facebook. Für den Spielmannszug fanden sich schnell genügend Leute, die ihre Instrumente auf unterschiedlichen Niveaus spielen und sich gegenseitig bei den Proben unterstützen.

Beim Jugendrotkreuz Westfalen-Lippe hat besonders gut die Umsetzung der Erste-Hilfe-Kurse mit den jungen Geflüchteten geklappt – trotz Sprachbarriere.

“Vielen Ausbildenden hat das erst Sorgen bereitet. Aber: Es ist viel mit Gucken, Ausprobieren und Nachmachen. Und die jungen Geflüchteten hatten oft mehr Sprachkenntnisse in Deutsch und Englisch als vermutet und haben untereinander geholfen.”

– Katharina Plate, Jugendrotkreuz Westfalen-Lippe

Trotzdem gibt es die Möglichkeit, mit Sprachmittler_innen zusammenzuarbeiten, die sind aber eher für die Selbstsicherheit der Ehrenamtlichen wichtig.

Die jungen Geflüchteten haben ein besonderes Interesse an den Kursen: Das Zertifikat über den absolvierten Erste-Hilfe-Kurs hat nämlich für alle dieselbe Gültigkeit und wird ohne weitere bürokratische Schritte unabhängig vom Aufenthaltsstatus ausgestellt. Außerdem kann es als erster Baustein für eine pflegerische oder soziale Ausbildung genutzt werden.

Erste-Hilfe-Kurse können auch einen Beitrag zur Aufarbeitung der Flucht leisten, weil sie als Rückversicherung dienen, sich zum Beispiel bei der Wundversorgung richtig verhalten zu haben. Einmal im Halbjahr gibt es interkulturelle Trainings für alle, die Erste-Hilfe-Kurse speziell für Geflüchtete leiten möchten.

Gelingensfaktoren

·         Mobilität der Akteur_innen
·         Ort zum Austausch und Kennenlernen als Startpunkt für eigene Projekte
·         Weiterentwicklung vorhandener Fähigkeiten und Hobbies
·         Netzwerke und Eigeninitiativen von Geflüchteten
·         Sicherheit durch Sprachmittler_innen für Ehrenamtliche

Das klappt hier nicht so gut
Die Proben des Spielmannszugs des Vereins Suryoye Ruhrgebiet sind unterschiedlich stark besucht, viele Teilnehmenden kommen nicht regelmäßig zu den wöchentlichen Treffen. Das verzögert die ersten Auftritte. Das gemeinsame Wochenende mit den Pfadfinder_innen war eine spannende Erfahrung, die aber nicht ganz zum Projekt passte. Die Kooperation kam mit einer Pfadfinder_innengruppe zustande, die ebenfalls in einem Spielmannszug aktiv ist – eine Kombination, die es beispielsweise in Syrien häufig gibt. Problematisch war hier, dass der Spielmannszug von Suryoye diese Ausrichtung aufs Pfadfinden nicht hat und beim gemeinsamen Wochenende vor allem typische Inhalte wie Knotenkunde auf dem Programm standen.

Bei den Erste-Hilfe-Kursen des Jugendrotkreuzes Westfalen-Lippe gibt es eine größere Nachfrage als Angebote. Hier müssen mehr Menschen ausgebildet werden, die Erste-Hilfe-Kurse für junge Geflüchtete anbieten.

Stolpersteine

·         Unregelmäßige Teilnahme an Treffen
·         Angebote nicht kompatibel mit den Interessen der Geflüchteten
·         Zu wenige aktive oder geschulte Ehrenamtliche

Jugendverbands-arbeit mit jungen Geflüchteten 2016 - 2017